Kochen auf Kirgisisch, Ramadan und Fastenbrechen

14Juni2018

Am Abend des 16. Mai hat der Fastenmonat Ramadan (auf Kirgisisch oрозо, sprich „orozo“) begonnen. Viele Kirgisen sind Muslime, auch wenn sie im Alltag, vor allem in der Hauptstadt, nicht so streng muslimisch leben wie Gläubige in anderen Ländern. Trotzdem fasten viele Personen und verzichten von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang auf jegliche Speisen, Getränke, Sex und Genussmittel wie bespielsweise Zigaretten.

Im täglichen Leben bemerke ich einen kleinen Unterschied: auf den Straßen wurden zu Beginn des Ramadans große Schilder angebracht, die auf Russisch und kirgisisch ein gesegnetes Fasten wünschen, viele Restaurants, die sonst rund um die Uhr oder bereits am frühen Nachmittag geöffnet sind öffnen erst nach acht Uhr abends und sind dann voll mit Familien und Freunden, die gemeinsam das Fasten brechen.


Straßenschilder zum Ramadan auf Kirgisisch

Die Sonne geht in Bischkek zur Zeit etwa um 5:23 auf und gegen 20:40 unter. Das Frühstück nehmen die meisten etwa um 3:30 Uhr zu sich und schlafen dann noch einige Stunden bevor sie zur Arbeit gehen und erst um 20:40 wieder essen und trinken. Kranke, Schwangere, Reisende, schwer körperlich Arbeitende, Stillende sind vom Fasten ausgenommen, wer während des Ramadan menstruiert darf in dieser Zeit ebenfalls nicht fasten und hängt die versäumte Fastenwoche einfach hinten dran.

In den letzten 2 Wochen ist es in Bischkek tagsüber meist konstant sehr trocken und warm, es hat ca. 30 Grad und obwohl es ab und zu am Nachmittag oder Abend regnet, kühlt es nachts nicht so stark ab. Ich selbst habe bei dieser Hitze nicht wirklich Hunger, vor allem nicht auf die schweren und fleischlastigen, kirgisischen Gerichte, aber ich kann es mir fast nicht vorstellen auf Getränke zu verzichten. Die Menschen gehen natürlich trotzdem ganz normal zur Arbeit, manche erzählen mir, dass sie morgens früher anfangen und dafür am Nachmittag bereits nach Hause gehen und sich in ihren Wohnungen ausruhen.

Schwierig ist auch, während dem Ramadan zu kochen, denn einerseits wird man durch die Gerüche und Lebensmittel in Versuchung geführt, andererseits kann man die Speisen nicht abschmecken und muss sich auf sein Gefühl oder das Urteil nicht fastender Familienmitglieder und Mitbewohner verlassen.

 

Schon lange habe ich mir gewünscht, die Zubereitung einiger traditioneller kirgisischer Speisen zu lernen. Eine gute Freundin läd mich im Ramadan zu sich nach Hause ein, um mit mir gemeinsam zu kochen und anschließend das Fastenbrechen zu feiern. Ich denke mir, eine gute Möglichkeit Traditionen und kirgisisches Essen besser kennenzulernen und das zudem im Kreis lieber Menschen und leckerer Speisen!


17:30 Uhr

Ich habe den ganzen Tag zuhause verbracht, weil es einfach viel zu warm war um irgendetwas zu tun. Da ich zur Zeit auch nicht mehr arbeite verbringe ich die meiste Zeit damit zu lesen, Musik zu hören und der Katze dabei zuzusehen, wie sie in akrobatischen Positionen schläft.
Jetzt ziehe ich mir eine lange Jeans und ein altes T-Shirt an (ich werde schließlich kochen) und mache mich auf den Weg zum Supermarkt, um dort Bier (für den Mann meiner Freundin und mich) und Schoro, ein traditionelles kirgisisches Kaltgetränk, sowie frische Früchte zu kaufen.


Katze?!


Typische Schoro-Auswahl in einem kirgisischen Supermarkt

18:00 Uhr

Kurz nach sechs bin ich bei meiner Freundin. Wir begrüßen uns, sie hat schon viele Zutaten auf dem Tisch in der Küche ausgebreitet und ist direkt bereit loszulegen. Vorher möchte ich noch ihren Mann begrüßen, doch als ich das Wohnzimmer betrete liegt er auf der Couch vor dem laufenden Fernseher und schläft. Ich kann es ihm nicht verübeln, die Nachmittagshitze macht einen schwach und müde.
Anders dagegen meine Freundin: obwohl sie bereits seit über 12 Stunden nichts mehr gegessen und getrunken hat scheint sie voller Tatendrang zu sein. Sie sagt, sie hat keinen Hunger aber mittlerweile starken Durst und ist bereits nach der Mittagszeit von der Arbeit nach Hause gegangen um sich auszuruhen.
„Ich zeige dir wie man Lagman und Samsy mit Kürbis und Fleisch macht!“. Wunderbar, denke ich, denn ich liebe die kirgisischen Nudeln mit gebratenem Fleisch und Gemüse ebenso wie die gefüllten Blätterteigtaschen!
Wir beginnen mit dem Teig für die Nudeln, schnippeln jede Menge Gemüse (Paprika, Karotten, Tomaten und Zwiebeln), schneiden Lammfleisch klein und bereiten die Füllung für die Samsi vor.
„Wenn es dir nichts ausmacht möchte ich dich bitten die letzten Stunden gemeinsam mit mir zu fasten, es fällt mir sonst schwer, wenn ich dich essen und trinken sehe.“ Es macht mir nichts aus, tatsächlich denke ich, dass es sogar eine interessante Erfahrung sein könnte, zumindest für zwei oder drei Stunden nichts zu essen und zu trinken um dann das Fastenbrechen als ähnlich festlich zu empfinden wie meine Freundin.

Da ich keine Muslima bin habe ich noch nie Ramadan gefeiert, allerdings erinnere ich mich, während wir zu kochen beginnen daran, wie ich vor ca. einem Jahr eine Woche lang gefastet habe. Damals habe ich allerdings nur auf feste Nahrungsmittel verzichtet, ich durfte den ganzen Tag Wasser, Tees und Säfte trinken. Als ich das Fasten nach einer Woche beendete aß ich als erstes einen gekochten Apfel, der zu diesem Zeitpunkt einfach unglaublich gut schmeckte. Ich nahm den Geschmack viel intensiver wahr und genoss es richtig, zu essen. Während diesem „Experiment“ viel mir aber auch auf, wie viel Zeit ich jeden Tag mit einkaufen, kochen, essen und abspülen verbringe und wie ich stattdessen nun ein Buch lesen, spazieren gehen oder ein Bad nehmen konnte. Ich habe mich außerdem selten hungrig gefühlt, zwar hatte ich Lust etwas zu essen und sehnte mich nach dem Geschmack bestimmter Speisen, es viel mir jedoch nicht schwer, die Woche durchzuhalten.

Ramadan ist natürlich eine ganz andere Art des Fastens, trotzdem denke ich, dass Fasten jeglicher Art immer auch eine Art Gedulds- und Achtsamkeitsübung ist und eine spirituelle Erfahrung. Das Schöne am Ramadan ist denke ich auch, dass die Fastenden nicht alleine sind. Andere Familienangehörige fasten häufig auch, ebenso wie Freunde und Bekannte.
Ich erinnere mich an eine Besprechung auf der Arbeit Ende Mai, an der auch eine Kasachin anwesend war, die unser Büro das erste Mal besucht hatte. Als sie hörte, dass einige meiner Kolleginnen fasten wünschte sie ihnen gesegneten Ramadan und alle bedankten sich sehr freundlich. Die Art, wie sie das sagte, war höflich und respektvoll, gleichzeitig hatte sie etwas beinahe Beiläufiges – nicht im negativen Sinn, sondern so, als würde man frohe Weihnachten wünschen. Ramadan ist im privaten, aber auch im beruflichen Umfeld präsent. Beinahe Fremde sprechen sich gegenseitig Segenswünsche aus und trotzdem macht niemand ein riesen Thema daraus.


19:30 Uhr

Bereits nach eineinhalb Stunden habe ich Durst. Das Kochen macht Spaß, es ist aber auch anstrengend. Heute darf ab 20:43 gegessen werden, noch etwas mehr als eine Stunde. Ich bin mir sicher, dass ich es schaffe durchzuhalten, aber ich frage mich ernsthaft, wie man den ganzen Tag nicht trinken kann. Außerdem vergesse ich ein paar Mal, dass ich nichts essen möchte und bin kurz davor zwischendurch ein wenig von dem rohen Gemüse zu naschen, das ich geschnitten habe.
Unterdessen ist der Mann meiner Freundin aufgewacht und begrüßt mich. Er fastet nicht, sieht uns aber belustigt beim Kochen zu und fragt mich, ob alles gut läuft.

Zwischendurch spült sich meine Freundin ab und an den Mund aus – das ist tagsüber erlaubt, aber das Wasser darf nicht geschluckt werden. Vor dem Fenster geht die Sonne gerade unter und taucht Berge und Hochhäuser in grell-orangenes Licht.

 

19:50 Uhr

Eine Bekannte ruft an. Meine Freundin telefoniert, das Telefon zwischen Kopf und Schulter geklemmt und faltet weiterhin Blätterteigtaschen. Irgendwann stellt sie das Handy auf Lautsprecher, „Ich kann jetzt nicht, ich habe Deutsche zu Gast und koche mit Ihnen! Wir wollen gemeinsam Fastenbrechen.“. Es dauert kurz, bis die Freundin richtig versteht. „Deutsche?“, sie ist ein bisschen überrascht, aber versteht, dass jetzt nicht der beste Zeitpunkt für einen Plausch ist.

Mittlerweile haben wir alles soweit fertig, Fleisch und Gemüse ist gekocht im Kasan und die Samsy sind bereits im Ofen. Fehlen nur noch die Nudeln für Lagman.
Der Teig, den wir zu Beginn vorbereitet haben wird dafür in Form einer dicken Rolle geknetet, dann werden einzelne Scheiben abgeschnitten und wiederrum zu Rollen gedreht. Diese werden nach und nach immer länger und dünner gezogen, wobei man jede Menge Öl benutzt, damit die immer dünner werdenden Rollen nicht reißen. Am Ende werden die Nudeln wie dicke Fäden langgezogen und einige Male auf den Tisch geschlagen. Nach wenigen Minuten im kochenden Salzwasser sind sie fertig.

 

Zubereitung von Lagman-Nudeln

20:20 Uhr

Ich bin zu langsam. Es dauert länger als erwartet und wir müssen uns beeilen um in den nächsten zwanzig Minuten fertig zu werden. Meine Freundin hilft mir, sie ist wesentlich schneller im Nudeln-Ziehen. Sie beginnt außerdem damit, Kumys (vergorene Stutenmilch) mit Milch und Zucker für uns vorzubereiten. Der große Tisch im Esszimmer ist schon gedeckt, es gibt wie immer Boorsok und auch eine große Schale mit Früchten, sowie Tee.

 

Samsy - Blätterteigtaschen mit Fleisch und Kürbis


 

20:45 Uhr

Einige Minuten nach Sonnenuntergang sitzen wir alle gemeinsam am Tisch, die Hände halten wir geöffnet vor uns und meine Freundin spricht leise ein Gebet. Im Anschluss fahren wir dreimal mit den Händen über unser Gesicht um uns symbolisch zu reinigen. Es ist ruhig und dunkel draußen und dann trinkt meine Freundin den ersten Schluck Wasser des Tages. Sie leert das Glas in einem Zug und lächelt. Während des Essens sind wir ungewöhnlich ruhig und erst nachdem alle ihre Teller geleert haben und ein bisschen erschlagen am Tisch sitzen beginnen wir die Ereignisse der vergangenen Tage zu besprechen.

 

22:40 Uhr

Kirgisische Abendessen sind lange. Häufig sitzt man noch mehrere Stunden beisammen und isst immer wieder von den Früchten und kleinen Speisen, die noch auf dem Tisch stehen, während man sich unterhält. Zum Abschluss gibt es (eher untypisch für Kirgistan) Vanilleeis mit warmen Erdbeeren und (gar nicht untypisch) einen Toast, mit dem ich mich für die Einladung zum Essen und diese besondere Möglichkeit bedanke und meine Gastgeber mir für die Zeit in Kirgistan danken und mir alles Gute für meine Rückkehr nach Deutschland wünschen.

Morgen, am 15. Juni werden die Gläubigen weltweit das Ende des Fastenmonates feiern.